Schluss mit platt!

13th Nov, 2015

Mit 360 Grad Content auch mal hinter die Sekretärin schauen - die New York Times macht es vor

Früher haben wir die Zeitung abonniert, Bücher gelesen, Radio gehört - heute bekommen wir jegliche Information im Internet. Hier ist grundsätzlich jedem Alles zugänglich! Der reinste Informationsüberfluss! Wir finden trotzdem: genaue Vorgänge, die Hintergründe, oder die Stimmungslage lassen sich durch die bisherige journalistische Berichterstattung nur schwer vermitteln bzw. nachvollziehen. Doch es gibt Hoffnung: die existierenden Medientypen werden nun durch ein neues Medium ergänzt, das eine ganz neue Dimension der Informationsbeschaffung darstellt: Virtual Reality!

Inhalte zum Anfassen

Seit Anfang des Jahres erlaubt es bspw. YouTube 360 Grad Videos hochzuladen. Seit Neustem ist das auch bei Facebook möglich. Wir können uns als Zuschauer in diesen quasi „frei umsehen“. Am Desktop erfolgt das über den Mausklick, am mobilen Endgerät über das Bewegen des Handys oder Tablets. Damit wird VR erstmals für die breite Masse zugänglich und erlebbar und ist längst nicht mehr nur in der Gaming Szene heiß diskutiert. VR stellt also definitiv ein Potential dar, das in Zukunft noch weiter ausgelotet und erprobt werden muss. Am 18. September fand in Berlin die erste Virtual-Reality-Konferenz statt. Es trafen sich Journalisten, Filmemacher und Gamedesigner, um über das Potential der VR zu sprechen.

Die New York Times macht es vor: vor einigen Wochen startete die App NYT VR. Sie informiert den Zuschauer in einer 360 Grad Perspektive. Das Projekt wurde in Kooperation mit Google ins Leben gerufen und soll es uns ermöglichen, noch tiefer in Berichte und Geschichten eintauchen zu können. Im Laufe des nächsten Monats werden rund eine Mio. VR-Brillen an die Abo-Kunden verschickt; mithilfe des Google "Cardboard"-Kits können diese sich dann Produktionen der New York Times im 3D Format ansehen. In Deutschland ist Springer bei der Produktion von 360 Grad Berichten Vorreiter: das Video-Team produziert mehrmals im Monat Clips mit einer 360 Grad Kamera.

Die große Chance der VR besteht für den Journalismus sicherlich darin, dass der Zuschauer eine ganz andere Beziehung zur erzählten Geschichte und den Menschen und Themen dahinter aufbauen kann. D.h., dass so möglicherweise auch schwierige Themen und komplexe Sachverhalte verständlicher werden. Die Medienwissenschaftlerin Linda Rath-Wiggins sieht das ähnlich: „VR-Journalismus kann ein große Wirkung erzielen: Nach der Empathie kommt (beim Zuschauer) der Wille zu handeln“

Jetzt wird dahinter geschaut

Aktuell sind die aufwendigen Produktionen bspw. für den VR-Hersteller Oculus leider sehr teuer und Content Produzenten (verständlicherweise) nicht bereit in diesen neuen Medientyp zu investieren. Außerdem wird es noch einige Zeit dauern, bis die Technologien auch für den Privatgebrauch bezahlbar werden.

Fakt ist, Virtual Reality kann Details sichtbar machen, die in bisherigen viralen Videos womöglich unbemerkt bleiben. Der Zuschauer kann ein Unternehmen oder ein Produkt selbst „entdecken“ und Inhalte subjektiv auswählen. Das könnte das Kommunikations- und Konsumverhalten radikal verändern. Content in 360 Grad bedeutet, dass der Zuschauer sich in einem Unternehmen frei bewegen kann. Der Sekretärin kann endlich einmal über die Schulter geschaut; der Chef beim Meeting beobachtet werden. Die zweidimensionale Warenpräsentation wird verlassen, Produkte und Räume werden erfahrbar und anfassbar. Völlige Freiheit in der Rezeption also. Zeigen statt Lesen lautet das Mantra der Stunde. Denn das Bewegtbild schafft es, Dinge konkret zu zeigen, die auf anderen Kanälen oder Medien umständlich zu lesen sind. Uns wird so Arbeit abgenommen und „leicht verdaulicher“ Content geliefert. Und virales Storytelling wirkt: 50% der durch ein Video vermittelten Informationen werden im Gehirn abgespeichert; beim Text dagegen sind es nur 10%.

Großer Vorteil daran: Fernab von Facebook und Co haben Unternehmer, Marketer und PR Manager damit die Chance steuerbare Bildinhalte zu liefern, die nahbar und sympathisch wirken und Produkte neu inszenieren.

Ein Risiko gibt es: die Kernbotschaft des Unternehmens geht möglicherweise verloren. Der Ausschnitt der neuen Marketingchefin scheint interessanter zu sein, als das neue Betriebssystem, das vorgestellt wird... Ihr müsst bei der VR Verwendung also ganz klar entscheiden, welche Inhalte zugänglich gemacht werden und wie trotz der Immersion und des „hautnahen Erlebens“ eine gewisse Distanz geschaffen werden kann. Hier gilt: zu viele Details verderben den Inhalt.

torpedo Fazit

Um VR für das Content Marketing und die Öffentlichkeitsarbeit nutzen zu können, müssen natürlich erst einmal Produktion und Technologie günstiger und die Arbeit damit praktikabel werden. Potential steckt mit Sicherheit darin. Der Kunde könnte wortwörtlich in die Produktwelt eines Unternehmens „eintauchen“; selbst entscheiden, wohin sein Blick wandern soll und was er wahrnehmen möchte. Daraus ergeben sich ganz neue Möglichkeiten der Informationsübertragung und auch der Werbung. Storytelling kann auf komplett neuen Ebenen stattfinden: man gewinnt als Kunde deutlich umfassendere Eindrücke und befindet sich „näher“ am Geschehen. Stellen wir uns einmal einen Kino-Trailer vor, der mithilfe der VR-Technologie in 3D und in 360 Grad Perspektive erlebt werden kann. Oder einen Werbespot aus der Automobilbranche. Der Zuschauer fühlt sich so als wäre er Teil des Films, als würde er selbst mit im Auto sitzen; ganz im Gegensatz zur Rezeption „hinter“ dem Bildschirm. Wir sind auf jeden Fall gespannt, wie sich die VR-Technologie weiter entwicklen wird und bereit uns den Herausforderungen dieses neuen Medientyps zu stellen. Der Markt ist ständig in Bewegung und VR definitiv mehr als nur ein unausgereifter Trend. Wir sagen, zeigt euren Ideenreichtum und eure Kreativität! Mit VR könnte sich eine ganz neue Art der Inhaltsdistribution ergeben. Jetzt wird dahinter geschaut - bei euch auch!